
Braucht man für ein Stipendium perfekte Noten? Warum viele ihre Chancen unterschätzen
„Ich bin wahrscheinlich sowieso nicht gut genug.“
Diesen Satz höre ich immer wieder.
Nicht nur von Menschen, die sich bei mir melden.
Sondern auch von Freundinnen, Freunden, Kommilitoninnen und Kommilitonen oder Menschen, die sich zum ersten Mal mit dem Thema Stipendien beschäftigen.
Fast immer folgt danach ein ähnlicher Gedanke:
„Andere haben bestimmt bessere Noten.“
Oder:
„Andere engagieren sich viel mehr als ich.“
Oder:
„Für ein Stipendium muss man doch etwas ganz Besonderes geleistet haben.“
Vielleicht hast du selbst schon einmal so gedacht.
Vielleicht hast du sogar eine Bewerbungsfrist verstreichen lassen, weil du überzeugt warst, dass deine Chancen ohnehin zu gering sind.
Wenn das so ist, möchte ich dir direkt zu Beginn etwas mitgeben:
Du bist mit diesem Gedanken nicht allein.
Ich kenne ihn sogar sehr gut.
Meine größte Hürde war nicht mein Lebenslauf
Wenn ich heute auf meine eigenen Bewerbungen zurückblicke, war meine größte Hürde weder mein Notendurchschnitt noch mein Lebenslauf.
Es war mein eigenes Bild von mir.
Ich war überzeugt, dass andere Bewerberinnen und Bewerber deutlich beeindruckender sein mussten.
Ich dachte:
- Andere engagieren sich bestimmt viel stärker.
- Andere haben außergewöhnlichere Projekte umgesetzt.
- Andere haben internationale Erfahrungen gesammelt.
- Andere haben Preise gewonnen oder besondere Talente.
Obwohl ich selbst bereits Auszeichnungen erhalten hatte und mich engagierte, erschien mir das alles selbstverständlich.
Mein Engagement in einer Hausaufgabenbetreuung?
Nicht besonders.
Meine Tätigkeit im Fußballverein?
Machen doch viele.
Meine Erfahrungen aus Nebenjobs?
Interessiert bestimmt niemanden.
Heute weiß ich:
Ich habe meine eigenen Erfahrungen unterschätzt.
Und genau das tun erstaunlich viele Menschen.
Der Moment, der meine Sicht verändert hat
Besonders deutlich wurde mir das während meiner Bewerbung bei der Studienstiftung des deutschen Volkes.
Ein Bestandteil der Bewerbung war ein ausformulierter Lebenslauf.
Ich begann, meinen bisherigen Weg chronologisch aufzuschreiben.
Nicht nur Stationen.
Sondern auch Entscheidungen. Erfahrungen. Verantwortung. Prägende Momente.
Zum ersten Mal betrachtete ich meinen Lebenslauf nicht als Aufzählung von Daten.
Sondern als Geschichte.
Während ich schrieb, fiel mir etwas auf.
Ich hatte tatsächlich viel erlebt.
Ich hatte Verantwortung übernommen.
Ich hatte Herausforderungen gemeistert.
Ich hatte Ziele verfolgt und Rückschläge erlebt.
Vor allem aber hatte ich etwas zu erzählen.
Und genau das war der Moment, in dem sich meine Perspektive veränderte.
Nicht, weil mein Lebenslauf plötzlich besser geworden wäre.
Sondern weil ich begann zu erkennen, was bereits die ganze Zeit darin stand.
💡 Scholar2Be-Moment
Viele Menschen glauben, sie hätten nichts Besonderes erlebt.
In Wirklichkeit betrachten sie ihre eigenen Erfahrungen nur aus der falschen Perspektive.
Was für dich selbstverständlich ist, kann für eine Auswahlkommission zeigen, dass du Verantwortung übernimmst, Herausforderungen meisterst oder über dich hinauswächst.
Sind gute Noten wichtig?
Die ehrliche Antwort lautet:
Ja.
Gute Leistungen sind bei vielen Förderprogrammen ein wichtiger Bestandteil der Bewerbung.
Das wäre unehrlich zu verschweigen.
Auch ich hatte sehr gute Studienleistungen, als ich meine ersten Stipendien erhielt.
Trotzdem kenne ich einige Beispiele, die ein Stipendium bekommen haben und einen Notendurchschnitt nahe oder sogar schlechter als 2.5 hatten.
Genauso wichtig ist also eine zweite Wahrheit:
Der Mensch hinter den Noten zählt.
Stell dir zwei Bewerber vor.
Der erste zählt lediglich seine tollen akademischen Leistungen auf.
Der zweite erklärt zusätzlich,
- warum ihn sein Fach begeistert,
- welche Erfahrungen ihn geprägt haben,
- welche Verantwortung er übernommen hat,
- welche Ziele er verfolgt,
- und wie er die Förderung nutzen möchte.
Wer hinterlässt vermutlich den stärkeren Eindruck unabhängig vom Notendurchschnitt?
Wichtig ist hier dann definitiv ein packendes Motivationsschreiben.
Förderwerke möchten nicht nur wissen, wie gut du lernst, sondern auch wer du bist.
Worauf Förderwerke häufig ebenfalls achten
Je nach Stipendium unterscheiden sich die Auswahlkriterien.
Dennoch spielen häufig mehrere Aspekte zusammen.
Dazu gehören unter anderem:
- fachliche Leistungen,
- Motivation,
- gesellschaftliches Engagement,
- Verantwortungsbewusstsein,
- Persönlichkeit,
- Entwicklungspotenzial,
- Selbstreflexion,
- Werte und Ziele.
Nicht jedes Förderwerk gewichtet diese Punkte gleich.
Deshalb ist es so wichtig, nicht einfach irgendeine Bewerbung zu schreiben, sondern das Förderprogramm auszuwählen, das wirklich zu dir passt.
Genau darüber haben wir bereits im vorherigen Artikel gesprochen.
Denn eine gute Bewerbung beginnt nicht mit einem Motivationsschreiben.
Sie beginnt mit der Frage:
Warum passt gerade dieses Förderwerk zu meiner Geschichte?
Was ist, wenn meine Noten nicht perfekt sind?
Vielleicht fragst du dich beim Lesen:
„Das klingt alles gut – aber was ist, wenn mein Notendurchschnitt einfach nicht herausragend ist?“
Diese Frage ist absolut berechtigt.
Und sie verdient eine ehrliche Antwort.
Zunächst einmal gilt:
Nicht jedes Stipendium bewertet dieselben Kriterien.
Es gibt Förderprogramme, bei denen die schulischen oder akademischen Leistungen einen besonders hohen Stellenwert haben.
Bei anderen wird deutlich stärker auf die Persönlichkeit, das gesellschaftliche Engagement oder die individuelle Entwicklung geschaut.
Deshalb solltest du dich nie mit der Aussage zufriedengeben:
„Mit meinen Noten bekomme ich sowieso kein Stipendium.“
Die richtige Frage lautet vielmehr:
„Welche Förderprogramme passen zu meinem Gesamtprofil?“
Genau deshalb lohnt es sich, die verschiedenen Stiftungen genauer kennenzulernen und nicht vorschnell aufzugeben.
Außerdem: hast du einen Grund für deine „schlechteren“ Noten? Vielleicht lässt sich das in eine Stärke ummünzen, wenn der Grund nicht ist: „ich habe keine Lust zu lernen.“. Das ist sehr individuell.
Der häufigste Denkfehler
In meinen Gesprächen begegnet mir immer wieder derselbe Gedanke:
„Ich kenne jemanden mit besseren Noten.“
Oder:
„Andere engagieren sich viel mehr.“
Oder:
„Ich bin wahrscheinlich einfach durchschnittlich.“
Was dabei häufig passiert:
Menschen vergleichen ihre eigenen Schwächen mit den sichtbaren Stärken anderer.
Sie sehen den Lebenslauf einer anderen Person.
Sie kennen aber nicht deren Unsicherheiten.
Genauso wenig kennt diese Person deine Geschichte.
Ein Auswahlverfahren ist kein Wettbewerb darum, wer den spektakulärsten Lebenslauf besitzt.
Es geht vielmehr darum, ob du überzeugend zeigen kannst,
- wer du bist,
- was dich geprägt hat,
- welche Werte du vertrittst,
- und warum das Förderwerk gerade in dich investieren sollte.
💡 Scholar2Be-Moment
Vergleiche niemals dein Innenleben mit der Außendarstellung anderer.
Fast jede erfolgreiche Bewerberin und jeder erfolgreiche Bewerber kennt Zweifel.
Der Unterschied ist:
Sie haben sich trotzdem beworben.
Schau auf die Fakten – nicht auf dein Gefühl
Das ist vermutlich der wichtigste Rat, den ich dir geben kann.
Viele Menschen bewerten sich ausschließlich nach ihrem Gefühl.
Sie denken:
„Ich mache eigentlich gar nicht so viel.“
Dann schauen wir gemeinsam auf die Fakten.
Und plötzlich entsteht ein ganz anderes Bild.
Vielleicht hast du ...
- während der Schul- oder Semesterferien gearbeitet, um finanziell unabhängiger zu sein.
- Verantwortung für jüngere Geschwister übernommen.
- Angehörige gepflegt oder unterstützt.
- dich über Jahre in einem Sportverein engagiert.
- Nachhilfe gegeben.
- neben dem Studium gearbeitet.
- schwierige persönliche Herausforderungen gemeistert.
- ein eigenes Projekt aufgebaut.
- Rückschläge erlebt und trotzdem nicht aufgegeben.
Für dich mögen diese Dinge selbstverständlich erscheinen.
Für eine Auswahlkommission erzählen sie jedoch eine Geschichte.
Sie zeigen Eigeninitiative.
Durchhaltevermögen.
Verantwortung.
Empathie.
Belastbarkeit.
Genau deshalb solltest du deine Erfahrungen niemals vorschnell als „nicht besonders“ abtun.
Was Förderwerke wirklich interessiert
Natürlich freuen sich Förderwerke über gute Leistungen.
Doch sie investieren nicht in Zeugnisse.
Sie investieren in Menschen.
Sie möchten verstehen,
- wie du denkst,
- was dich antreibt,
- welche Ziele du verfolgst,
- und welchen Beitrag du in Zukunft leisten möchtest.
Ein hervorragender Notendurchschnitt allein beantwortet diese Fragen nicht.
Genauso wenig schließt ein weniger perfekter Notendurchschnitt automatisch aus, dass du ein überzeugender Kandidat oder eine überzeugende Kandidatin bist.
Entscheidend ist immer das Gesamtbild.
Vier Dinge, die du stattdessen tun solltest
1. Höre auf, dich selbst auszusortieren
Die Entscheidung über deine Bewerbung trifft nicht dein innerer Kritiker.
Sie trifft die Auswahlkommission.
Bewirb dich deshalb lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
2. Reflektiere deine Geschichte
Frage dich:
- Welche Erfahrungen haben mich geprägt?
- Welche Herausforderungen habe ich gemeistert?
- Worauf bin ich stolz?
- Welche Verantwortung habe ich übernommen?
Oft entstehen daraus die stärksten Inhalte für eine Bewerbung.
3. Suche gezielt nach passenden Förderprogrammen
Nicht jedes Förderwerk erwartet dieselben Voraussetzungen.
Informiere dich deshalb genau über die Ausrichtung der jeweiligen Programme.
Je besser die Passung, desto überzeugender wird später deine Bewerbung.
4. Erzähle nicht, wie gut du bist – zeige es
Statt zu schreiben:
„Ich bin teamfähig.“
Erzähle lieber von einer Situation, in der du Verantwortung für ein Team übernommen hast.
Statt zu schreiben:
„Ich bin belastbar.“
Beschreibe, wie du Studium, Nebenjob und familiäre Verantwortung gleichzeitig gemeistert hast.
Menschen erinnern sich an Geschichten.
Nicht an Schlagworte.
Meine wichtigste Erkenntnis aus drei erfolgreichen Stipendienbewerbungen
Wenn ich heute auf meine eigenen Bewerbungen zurückblicke, denke ich nicht zuerst an meinen Notendurchschnitt.
Ich denke an einen ganz anderen Moment.
An den Moment, in dem ich erkannte, dass mein Lebenslauf mehr war als eine Sammlung von Daten.
Er erzählte meine Geschichte.
Er zeigte, welche Entscheidungen ich getroffen hatte und tatsächlich auch was ich fühlte.
Welche Verantwortung ich übernommen hatte.
Welche Erfahrungen mich geprägt hatten.
Erst als ich das selbst verstanden hatte, konnte ich diese Geschichte auch anderen erzählen.
Und genau das wünsche ich jedem Menschen, der sich auf ein Stipendium bewirbt.
Fazit
Braucht man gute Leistungen für viele Stipendien?
Ja, zumindest nicht „schlecht“.
Braucht man perfekte Noten?
Absolut nein. Interessante Persönlichkeiten schlagen definitiv gute Noten.
Förderwerke suchen keine fehlerfreien Lebensläufe.
Sie suchen Menschen mit Potenzial.
Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Menschen, die reflektieren können.
Menschen, die etwas bewegen möchten.
Deshalb möchte ich dir zum Abschluss eine Frage mitgeben.
Nicht als Test.
Sondern als Einladung zur Selbstreflexion.
💡 Scholar2Be-Reflexionsfrage
Welche Erfahrung in deinem Leben hältst du für selbstverständlich, obwohl sie vielleicht genau das ist, was dich von anderen unterscheidet?
Nimm dir ein paar Minuten Zeit und schreibe deine Gedanken auf.
Du wirst überrascht sein, wie viel bereits in deiner Geschichte steckt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Braucht man einen 1,0-Notendurchschnitt für ein Stipendium?
Nein. Die Auswahlkriterien unterscheiden sich je nach Förderprogramm. Gute Leistungen sind häufig wichtig, aber viele Stiftungen betrachten zusätzlich Engagement, Persönlichkeit, Motivation und Entwicklungspotenzial.
Kann ich mich auch mit einem durchschnittlichen Notendurchschnitt bewerben?
Ja. Ob deine Chancen gut sind, hängt immer vom jeweiligen Förderprogramm und deinem Gesamtprofil ab. Deshalb lohnt es sich, passende Stipendien gezielt auszuwählen und deine Geschichte authentisch darzustellen.
Was zählt neben den Noten?
Je nach Förderwerk können unter anderem gesellschaftliches Engagement, Verantwortungsbewusstsein, besondere Lebenswege, Motivation, Werte und persönliche Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.
Sollte ich mich bewerben, wenn ich unsicher bin?
Aus meiner Sicht: Ja.
Viele Menschen unterschätzen ihre eigenen Chancen. Solange du die formalen Voraussetzungen erfüllst, spricht oft mehr für eine Bewerbung als dagegen.
Du möchtest herausfinden, welche Stärken in deinem Lebenslauf stecken und welche Förderprogramme wirklich zu dir passen? Dann unterstütze ich dich gerne dabei, deine Geschichte zu reflektieren und daraus eine authentische und überzeugende Stipendienbewerbung zu entwickeln. Schaue hier vorbei.

Danke für den Beitrag
Deine Artikel sind wirklich sehr ehrlich und reflektiert. Sonst liest man immer nur das standardmäßige Zeug. Bin gespannt was noch alles kommt.
Ich habe kein Engagement, aber einen sehr guten Schnitt (1.3 Mathematik). Gibt's da eine Empfehlung deinerseits?
Meiner Meinung nach das Deutschlandstipendium. Hier wird vor allem auf Noten geachtet. Engagement schadet natürlich nie, aber die Chancen würde ich hier als "unengagierte" Person als am höchsten einschätzen.
Ich hatte es selbst auch und war damals nicht vorbildlich engagiert ;).
Hey Daniel, super Artikel, der genau die Gedanken vieler widerspiegelt. Du bringst tolle Eindrücke und alles rund um das Thema Stipendium auf den Punkt. Vielen Dank dafür!
Der Tipp, seinen Lebenslauf weniger als Stichpunkte, sondern als Geschichte zu sehen, klingt sehr gut. Trotzdem frage ich mich, wie wichtig vergangenes soziales Engagement ist, das nicht unbedingt etwas mit meiner akademischen Laufbahn zu tun hat. Sollte ich wirklich jedes einzelne Praktikum miteinbeziehen oder mich eher auf die Dinge beschränken, die direkt etwas mit dem Studium zu tun haben (z.b. Nachhilfe und Fachschaften)?
Das ist immer sehr schwer zu sagen. Vielleicht kann man solche Dinge in einem Nebensatz zusammenfassen, je nachdem wie lange das Engagement her ist. Alles in allem sollte der Schwerpunkt nicht auf Nebensächlichkeiten liegen.
Kurz gesagt: Was zur Story passt und wenn es dich geprägt hat, kann rein.
Um ehrlich zu sein bin ich damals nicht am Stipendium gescheitert, weil meine Noten zu schlecht waren, sondern vermutlich wegen zu wenig außeruniversitärem Engagement. Unterm Strich haben diejenigen Kommilitonen die guten Stipendien bekommen, die sich sozial wie etwa beim Roten Kreuz engagiert haben.
Noten sind nicht alles!
Das ist sehr schade!
Man sagt, dass es beim Deutschlandstipendium eher auf die Noten ankommt, aber trotzdem wird natürlich Engagement oder besondere Lebensumstände gerne gefördert.
👍🏼
Ich mags ihre Art zu schreibene